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9.11.2018

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg gibt Kidduschbecher an Nachkommen des jüdischen Sammlers Max Hahn zurück
Veröffentlicht von: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Internetseite: www.mkg-hamburg.de
Unterzeichnung des Restitutionsvertrags durch Senator Dr. Carsten Brosda, Prof. Dr. Sabine Schulze, Direktorin des MKG, Udo Goerke, Geschäftsführer des MKG, und Prof. Dr. Michael R. Hayden, Enkel von Max Raphael Hahn



Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) restituiert einen silbernen Kidduschbecher aus jüdischem Besitz, der 1939 während der NS-Zeit beschlagnahmt wurde. Der Becher stammt aus der Judaika-Sammlung des Unternehmers und Kunstsammlers Max Raphael Hahn (1880-1942) aus Göttingen. Am 7. November 2018 übergab das MKG im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg den Kidduschbecher an den kanadischen Mediziner und Genetiker Prof. Dr. Michael Hayden, Enkel von Max Raphael Hahn, im Beisein weiterer Familienmitglieder. Mit Hilfe historischer Fotos und einer Beschreibung im Sammlungsinventar aus dem Familiennachlass konnte der sogenannte Jakobsbecher – benannt nach seinen alttestamentarischen Darstellungen von Jakobs Traum – unter den mehr als 3.000 Silberobjekten im MKG identifiziert werden.



Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs befanden sich insgesamt noch rund zwei Tonnen des Silbers, das 1939 von den Nationalsozialisten beschlagnahmt worden war, in der Obhut der Hamburger Finanzbehörde. Bis 1958 konnte ca. eine Tonne Silber den einstigen Besitzern oder ihren Erben zurückgegeben werden. Die verbliebenen Stücke verteilte Hamburg nach einer Ausgleichszahlung an die Jewish Trust Corporation ab 1960 auf die Hamburger Museen.



Seit 2014 zeigt das MKG seine Silberbestände in der Ausstellung „Raubkunst? Provenienzforschung zu den Sammlungen des MKG“ und diskutierte 2016 in einem Symposium mit Fachleuten, wie die Museen mit diesem sensiblen Sammlungsgut umgehen sollen. Ein offener Umgang der Museen mit dem Silber aus jüdischem Besitz, so das Resümee, soll die Öffentlichkeit sensibilisieren und an ein Kapitel der Enteignungsgeschichte erinnern, das für Millionen von Menschen steht, die Opfer des Holocaust wurden, über die bekannten Schicksale einzelner Personen oder Familien hinaus. Die öffentliche Präsentation in der Ausstellung soll den Opfern und Erben außerdem das Finden gesuchter Silbergegenstände erleichtern. So wurde auch Prof. Dr. Michael Hayden durch die Ausstellung auf die Silberbestände des MKG aufmerksam und meldete sich mit einem Rückgabegesuch. Das MKG konnte den gesuchten Kidduschbecher anhand von Dokumenten aus dem Familiennachlass identifizieren und gibt ihn anlässlich des 80. Jahrestages der Reichspogromnacht am 9./10. November 1938 zurück.



Dr. Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien: „Viele Objekte, die ihren Besitzerinnen und Besitzern während der NS-Zeit geraubt wurden, befinden sich bis heute den Depots unserer Museen. Dies stellt uns vor die Frage nach dem richtigen Umgang mit diesen Objekten, die nicht rechtmäßig im Besitz der Museen sind, die aber zugleich keinem rechtmäßigen Besitzer zugeordnet werden können. Daraus ergibt sich eine große Verantwortung. Diese wollen wir annehmen und offen mit den Verbrechen der Vergangenheit umgehen, die Objekte bewahren und der Forschung zur Verfügung stellen. Die heutige Rückgabe des Kidduschbechers ist Teil dieser Verantwortung. Sie ist auch ein Beleg dafür, wie wichtig die Provenienzforschung ist. Die Silberobjekte aus jüdischem Besitz im MKG erinnern uns an das Leid, das seinen Besitzerinnen und Besitzern zugefügt wurde. Vor diesem Hintergrund ist die Rückgabe des Kidduschbechers an Familie Hayden zunächst eine Selbstverständlichkeit. Aber es sind gerade diese vermeintlichen Selbstverständlichkeiten, die uns an die Verbrechen erinnern, die passiert sind. Ich danke den Nachfahren der Familie Hahn dafür, dass sie nach Hamburg gekommen sind, um den Becher anzunehmen.“



Prof. Dr. Sabine Schulze, Direktorin des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg: „Die Geschichte dieses Kidduschbechers zwingt uns zu einem kritischen Blick auf die Vergangenheit der eigenen Institution. Das können wir nur tun, indem wir Sprachlosigkeit überwinden und berichten über Demütigung, Verfolgung, Entrechtung und Verpflichtung. Wir sind betroffen über das Schicksal der Familie Hahn, das stellvertretend steht für das Leid aller jüdischen Mitbürger in der Epoche des Dritten Reichs. An diese großenteils anonymen Opfer deutscher Gewaltherrschaft zu erinnern, gehört für mich zum Bildungsauftrag unseres Museums. Diese Übergabe ist ein kleiner Beitrag der Versöhnung und für mich persönlich ein sehr bewegender Moment.“



Michael R. Hayden, Enkel von Max Raphael und Gertrud Hahn: „Amazing news! Dass dieser Kiddusch-Becher nach 80 Jahren nun wieder in den Besitz unserer Familie gelangt, ist ein sehr bewegender Moment für mich und meine Familie. Deutschland und die Stadt Hamburg erfüllen damit ihre moralische Pflicht. Versöhnung löscht den Schmerz zwar nicht aus, aber ich kann persönlich Frieden finden und meine deutschen Wurzeln annehmen. Wir können die Vergangenheit nicht ändern, aber wir können aus ihr lernen. Darum ist die Aussagekraft der restituierten Museumsgegenstände viel wichtiger als ihr materieller Wert. Restitution ist ein weiterer Schritt in Richtung Versöhnung und Würde. Dafür bin ich zutiefst dankbar.”



Familie Hahn und ihre Judaika-Sammlung

Die Hahns zählen zu den Verfolgten des NS-Regimes. Die Familie versuchte über Hamburg zu emigrieren, was aber nur den Kindern Hanni und Rudolf Hahn (der sich später Roger Hayden nannte) gelang. Sie wanderten vor 1939 nach England aus. Max Raphael Hahn besaß eine große Judaika-Sammlung, an der er mit ganzem Herzen hing und die er zu retten versuchte. Deshalb verschob er die Ausreise aus Deutschland mehrfach. Als Max Hahn und seine Frau Gertrud (1893-1941) 1940 nach Hamburg kamen, waren ihnen jedoch alle Möglichkeiten zur Emigration versperrt. Sie wurden 1941 deportiert und kamen in Riga oder auf dem Weg dorthin ums Leben. Für ihre Tochter Hanni wurden im März 1939 der Kidduschbecher, einige Schmuck und Stücke aus dem Familiensilber in einem Hamburger Bankdepot deponiert. Da diese Hinterlegung nicht ausgelöst werden konnte, weil Hanni Hahn nach Großbritannien emigrierte, ist das Silber in die Bestände der Beschlagnahme durch die Nationalsozialisten gelangt. Der Kidduschbecher wurde wegen seiner prominenten Darstellung und seiner Datierung 1757 den museumsrelevanten Stücken zugeordnet und entging so dem Einschmelzen für die Kriegsproduktion. Er befand sich unter den Silberbeständen, die nach 1945 von den zuständigen Behörden nicht an die jüdischen Familien und deren Nachkommen zurückgegeben werden konnten und die dem MKG 1960 von der Finanzbehörde in Hamburg zugewiesen worden waren.



Seit 1946 versuchen die Nachkommen von Max und Gertrud Hahn den Kunstbesitz und die Judaika-Sammlung der Familie ausfindig zu machen. Einige Möbel und kunstgewerbliche Arbeiten wurden nach der Enteignung der Hahns vom Göttinger Stadtmuseum erworben. Sie wurden 2014 restituiert.



Max Raphael Hahn war ein Mann mit großem Weitblick und hat noch während der NS-Zeit die gesamten Familienpapiere, Fotos und Dokumente nach Schweden geschickt. Sein Enkel Michael Hayden hat diesen Nachlass von der Historikerin Sharon Meen auswerten lassen. Ausgehend vom Schicksal der Hahns hat sich daraus ein Forschungsprojekt über jüdisches Leben entwickelt, dass an der University of British Columbia angesiedelt ist. Die Ergebnisse sollen 2019 publiziert werden. Begleitend wird es eine Ausstellung zur Familiengeschichte der Hahns im Vancouver Holocaust Education Center geben. Das vorab erschienene Buch „Das Vermächtnis des Max Raphael Hahn – Göttinger Bürger und Sammler. Eine Geschichte über Leben und Tod, mutige Beharrlichkeit und die fortwirkende Kraft der Familientradition“ realisierte Michael R. Hayden 2015 gemeinsam mit den Wissenschaftlerinnen Lisette Ferera, Sharon Meen und Cordula Tollmien.



Michael Hayden

Prof. Dr. Michael R. Hayden, geboten 1951 in Kapstadt, lebt in Vancouver, Kanada. Der vielfach ausgezeichnete Mediziner und Genetiker ist international bekannt für die Erforschung von Erbkrankheiten, insbesondere der Genetik von Störungen des Fettstoffwechsels, der Chorea Huntington-Krankheit sowie der prädikativen und individualisierten Medizin. Seit 2000 hat er den Canada Research Chair for Human Genetics and Molecular Medicine inne. Seit 2003 ist Hayden Killam Professor of Medical Genetics an der University of British Columbia und Senior-Wissenschaftler an dem von ihm gegründeten Centre for Molecular Medicine and Therapeutics in Vancouver. Seit 2011 ist Hayden Direktor des Translational Laboratory in Genetic Medicine (TLGM) in Singapur und wurde 2012 zum Präsidenten der weltweiten Forschung und Entwicklung (Global R&D) sowie zum Chief Scientific Officer bei Teva Pharmaceuticals (Israel) berufen. Am 7. November 2014 erhielt Michael R. Hayden die Ehrendoktorwürde der Medizinischen Fakultät der Universität Göttingen.



Tagungsband zu den Silberbeständen aus jüdischem Besitz im MKG: Zum Symposium „Raubkunst? Silber aus ehemals jüdischem Besitz – wie gehen Museen damit um?“ erschien 2016 der Tagungsband unter dem gleichnamigen Titel, hg. von Sabine Schulze und Silke Reuther, mit Beiträgen von Katharina Fegebank, Uwe M. Schneede, Silke Reuther, Wiebke Müller, Ilse von zur Mühlen, Marlies Coburger, Steffi Grapenthin, Leonhard Weidinger, Larissa Förster und Jürgen Lillteicher. Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, 2016, 64 Seiten, Broschur, 9,90 Euro.

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