Museum für Thüringer Volkskunde
99084 Erfurt
Juri-Gagarin-Ring 140 a

Künstlerbilder.
Künstler entdecken das Volk

Laufzeit: 09. November 2005 bis 29. Januar 2006

Hintergrund der Ausstellung ist die Reichsgründung 1870/71 und die zunehmende Industrialisierung. Diese Veränderung führte bei den bürgerlichen Schichten zu einer Idealisierung der vorindustriellen, verlorenen "heilen" Welt und dadurch entwickelte sich ein verklärender Heimatbegriff.

Die Gründung des Deutschen Kaiserreiches und die Durchsetzung der Industriegesellschaft nach 1870/71 nahmen breite Kreise des Bürgertums zum Anlaß, politische, ökonomische und kulturelle "Gewinne" und "Verluste" dieser Entwicklungen zu bilanzieren. Dabei verstand man Industrialisierung und Reichseinheit zwar als “Erfolgsgeschichte”, zugleich schienen die modernen Verhältnisse jedoch auch zur Idealisierung der vorindustriellen, nunmehr verlorenen, vorgeblich “heilen” Welt zu nötigen. Daraus erwuchs unter anderem ein verklärender Heimatbegriff, der die Romantisierung und Rückgewinnung einer überkommenen altständischen Kultur als Gegenentwurf zur modernen Gesellschaft propagierte.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vom Museum für Thüringer Volkskunde initiierte und gemeinsam mit dem Zweckverband Mühlhäuser Museen realisierte Ausstellung mit den symbolischen und ästhetischen Reflexen, die diese Verherrlichung von "Dorf" und "Landvolk" in der bildenden Kunst fand - fokussiert auf Thüringen. Bürgerliche Ansichten vom Landleben, das geprägt schien durch Geschichtlichkeit, Beständigkeit und Traditionsbindung, widerspiegelt vor allem die Genremalerei des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Jedoch schufen einzelne Künstler auch realistische Darstellungen, die Hinweise auf soziale Veränderungen, auf kulturelle Brüche und politische Konflikte geben. Mit dem Ende der Weimarer Republik hatte sich die Verklärung und Instrumentalisierung des Ländlichen keinesfalls erledigt. Mit wechselnden politischen Zielvorgaben und in unterschiedlicher Intensität, aber den immer gleichen Zutaten, wurde (und wird) sie fortgesetzt. So gibt die Ausstellung den Blick frei auf Thüringenbilder vom 19. Jahrhundert bis in die jüngste Vergangenheit.

Bei der Bildauswahl anhand Thüringer Sammlungen standen Inhalte und weniger künstlerische Qualitäten im Vordergrund. Daneben bildete der regionale Bezug ein wichtiges, jedoch kein ausschließliches Kriterium. Dem Selbstverständnis einer klassischen Kunstausstellung folgen wir (mit Bedacht) ohnehin nicht. Stattdessen fügt sich das von seinem Anspruch her außergewöhnliche und für Thüringen bisher einmalige Projekt ein in die Intentionen des Museums für Thüringer Volkskunde, Grenzüberschreitungen zu wagen und auf diese Weise die profilbestimmende Beschäftigung mit der Gesellschaftsgeschichte des 19. bis 21. Jahrhunderts im regionalen und überregionalen Kontext voranzutreiben. Zudem begreift es sich als spezieller Beitrag zum fünfzigjährigen Gründungsjubiläum des Hauses.

Katalog: Thüringenbilder. Künstler entdecken das Volk.

Kategorien:
Kulturgeschichte |  Ausstellungen im Bundesland Thüringen | Ort:  Erfurt |
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