Ein Weg in die Welt der Bücher. Wolfgang Tiessen erinnert sich

Laufzeit: 07. Oktober 2012 bis 18. November 2012

Unsere Gegenwart diskutiert die Rolle des Buchs in der neu entwickelten Landschaft der multimedialen Informationskultur. Die Ablösung des Setzens von Bleilettern mit der Hand und die rasante Steuerung von Gestaltung und Druckverfahren durch die Technologie des Computers setzen gravierende Akzente in die Welt von Schrift und Buch. Auch die künstlerischen Umgehensweisen mit dem Buch unterliegen kontinuierlicher Veränderung.
Umso reizvoller und angemessener erscheint es, die dem voraus gehende Zeit des Handwerks und künstlerischen Arbeitens am Buch wieder vor Augen zu führen und ihre Qualitäten im Abstand von einigen Jahrzehnten neu zu entdecken.

Mit Wolfgang Tiessen meldet sich ein Zeitzeuge zu Wort, der vollauf Authentizität beanspruchen darf. Seine Edition Tiessen (1977-1995) machte die Freunde des Pressendrucks und des Künstlerbuchs aufmerksam; weniger bekannt ist, wie einflussreich Wolfgang Tiessen an zentraler Stelle, im direkten Bannkreis des Insel-Verlags, der berühmten Stempel AG, der Trajanus-Presse entscheidende Prozesse des künstlerischen Buchschaffens miterlebte und -gestaltete.
Diese Ausstellung beleuchtet das charakteristische Leben, das Tiessen „in die Welt der Bücher“ als Protagonist auf verschiedene Art und Weise, auf der Seite des Erstellens und auf der des Moderierens von und des Handelns mit Büchern, eingebracht hat. Sie zeigt, wie dieser Mann im Lauf von fünfzig Jahren die Vielfalt der Buch-Welt erlebt, was ihn beeindruckt hat und geprägt haben mag. Woraus sich dann Eigenes entwickeln sollte. Jeweils typische Exponate, von Kommentaren begleitet, veranschaulichen, was etwa eine Schriftsetzerlehre an Schönem, Prosaischem, Schrecklichem mit sich bringen konnte. Wie Gotthard de Beauclair (1907-1992), als Setzer, Drucker, Betreiber der Trajanus Presse ein Leuchtturm des Buchschaffens im 20. Jahrhundert, den Lehrling Tiessen hinwies auf erste Pressendrucke nach 1945 und auf Augustinus‘ „De civitate dei“, den Druck der Bremer Presse, Inbegriff einer perfekten Textgestalt.
Thema sind zudem die vielen neuen Schriften der Stempel AG, aber auch die alte Janson-Antiqua von 1684; beide den Bibliophilen vermittelt durch die Drucke der Trajanus-Presse. Ein Juwel ist die Ausgabe von Aristophanes „Die Frösche“ mit den Holzstichen von Imre Reiner (1961). Währenddessen verschwand die Fraktur endgültig. Auch das legt die Ausstellung dar: Was die Entwicklung einer modernen Textgestaltung der Bibel beförderte, wie sie sich etwa spiegelte in Vorschlägen bekannter Buchgestalter. Einer Auffrischung waren auch Einbandpapiere und Typographie der Insel-Bücherei bedürftig. Und das Interesse an der Buchkunst wurde beflügelt durch neue Schübe der Illustration, nicht nur in Pressendrucken, sondern auch in Büchern von geringerem Preis. Alles befand sich im Aufbruch, die Spuren von Krieg und Nachkriegszeit verblassten. Der neue Schwung beförderte dann auch das abrupte Ende von Bleischriften und Buchdruck. Tiessen wurde noch einmal Setzer, fand einen Buchdrucker alter Schule für seine eigenen Pressendrucke (Edition Tiessen). Bis sich beide verabschiedeten von dem, was vor fünfhundert Jahren mit Gutenberg begonnen hatte.

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Kunst |  Ausstellungen im Bundesland Hessen | Ort:  Offenbach am Main |
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