Kunsthalle
99310 Arnstadt
Angelhäuser Str. 1

"private moments" - Gerd Mackensen, Malerei / Max Marck, Fotografie

Laufzeit: 16. Oktober 2010 bis 17. Dezember 2010

"Reitersmann, komm gut an" heißt eine kleine Arbeit von Gerd Mackensen. Schwungvoll und in bester Haltung absolvierte der Künstler seinen bisherigen Lebensweg, und das schöpferische Tempo scheint nicht abzunehmen. Im November 2009 wurde Thüringens bekanntester Maler und Grafiker sechzig Jahre alt. In einer Zeit der Globalisierung, des Dilettantismus und der religiösen Fanatiker wirkt sein Ouevre wie ein Appell: Agiert offen, klug, ideenreich und herzerfrischend!

Mackensen ist ein außerordentlich vielseitiger Künstler. Medien- und Genreschranken überwindet er mit spielerischer Leichtigkeit und entfaltet auf jedem betretenen Terrain Virtuosität. Seine künstlerische Flexibilität entspringt vielleicht Veranlagung, wurde jedoch durch das wichtigste Ereignis seines Lebens besonders gefordert: Noch vor Aufnahme seines Studiums an der Hochschule für bildende Künste in Dresden lernte er in Nordhausen seine künftige Frau Rita kennen. Elbmetropole und Harzrandkleinstadt lagen damals fast eine Tagesreise auseinander, was den entflammten Kunststudenten nicht hinderte, die schöne junge Dame im Wochentakt zu besuchen. Nach Erlangung seines Diploms pfiff er auf Dresdner Karrieremöglichkeiten und kehrte stracks zurück in die Arme seiner Frau.

Mackensen ist kein permanent abstrakt denkender Künstler. Viele seiner aktuellen Großformate nehmen von einem gegenständlichen Bildmotiv oder dem Detail einer Skizze ihren Ausgang, werden komplett transformiert, überarbeitet und spontan verdichtet, bis eine neue Aussage entsteht. Es ist wie mit dem unendlich Großen und dem unendlich Kleinen bei Descartes, die miteinander im Zusammenhang stehen, und zwar nicht nur in der Weise, daß das Große aus dem Kleinen besteht, sondern auch insofern, als Form, Geist und Ansatz des Kleinen dem Großen seinen Charakter aufprägen wie eine Matritze.

Die Stratifikation ist ledigleich eine Methode der großformatigen Malerei Mackensens, eine andere ist die Camouflage, und beide existieren parallel. Die Camouflagenbilder gehen von fotografischen Ansätzen aus. "Sommerland mit Tränke" oder "Alpenklang" waren einmal realistisch oder sogar hyperrealistisch gemalte Mittelformate, die überformt wurden, bis sie älteren und auf ganz anderem Weg entstandenen Gemälden glichen. Mackensens Motive stammen nicht immer aus der eigenen Kamera, sondern oft aus fremden Quellen. Zuweilen kopiert der Künstler auch Werke akademischer Kollegen des 19. Jahrhunderts wie der Düsseldorfer Aschenbach-Brüder, um sich zu vergewissern, ob er deren technischen Fertigkeiten noch besitzt. Er besitzt sie, in der Tat!

Das wohl interessanteste fotorealistische Experiment war die Auseinandersetzung mit einer virtuellen Welt, dem "Second Life". Unter dem Pseudonym "Anishka Paine" näherte Mackensen sich - mit großem Vergnügen - im Sommer 2007 den trashigen, bunten, zuweilen pornografischen Computeranimationen dieses Paralleluniversums. Ein Unterfangen, das nicht frei von Herausforderungen war - wie transportiert man eine holprig-unbeholfene Computergrafik in einen Bildraum? Wie viele Fehler darf man ausmerzen, ohne die Nähe zum Medium zu verlieren? Letzten Endes war die Primitivität des Vorbildes der Grund, das Experiment abzubrechen. Ein Experiment, das an die Auseinandersetzung der französischen Kubisten Picasso und Braque mit der afrikanischen Skulptur hundert Jahre zuvor erinnert. Anishka Paine blieb eine Episode, und Mackensen kehrte zu seinen klassischen Großformaten zurück.


Ganz ohne Spuren blieb die Exkursion indes nicht, die aktuellen großen Arbeiten sind plastischer, räumlicher, in einer Weise auch virtueller geworden. Der unmittelbare Niederschlag der Versuche mit Fotorealismus und virtuellen Welten ist auf einem Versuchsfeld zu besichtigen, das der Künstler vor anderthalb Jahrzehnten auf dem Terrain einer Erfurter Galerie eröffnet hat - der Unikat-Edition, kleinen Arbeiten im Format von 10 x 15 Zentimetern Größe. Sie entstanden auf der Grundlage übermalter Fotografien und Postkarten, und inzwischen geht ihre Zahl in die Hunderte. Hier ist Mackensen ganz bei sich, ganz eigen und eindeutig identifizierbar - anhand der virtuosen Zeichnung, der mit sicherer Leichtigkeit aufgebauten Komposition, des harmonischen Farbgefühls, aber vor allem des Sinnes für eine stille - zuweilen auch weniger stille - Heiterkeit.

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