Olaf-Gulbransson-Museum
83684 Tegernsee
Im Kurgarten 5

Eduard Thöny
Berlin um 1900 – Karikaturen für den Simplicissimus

Laufzeit: 13. Juli 2003 bis 14. September 2003

Zwei dümmlich arrogant dreinschauende Preußenoffiziere flanieren vor dem Berliner Reichstag und reden davon, aus der parlamentarischen „Stänkerbude“ am besten ein Hohen-zollernmuseum zu machen. Zwei andere Offiziere möchten gerne vor der norwegischen Landschaft mit ihren majestätischen Gletschern strammstehen und eine adelige Frau will aus ihrem Sohn einen Leutnant machen, da er ja sonst keine höheren Interessen habe.

Das preußische Militär war das Lieblingsmotiv von Eduard Thöny, einem der berühmten Karikaturisten der Münchner Satirezeitschrift „Simplicissimus“, dem das Olaf Gulbransson Museum für Graphik & Karikatur nun eine große Ausstellung widmet. Die Schau mit dem Titel „Eduard Thöny: Berlin um 1900 – Karikaturen für den Simplicissimus“ ist vom 13. Juli bis 14. September im Tegernseer Gulbransson Museum zu sehen und umfasst Originalzeichnungen und Titelseiten des „Simplicissimus“.

Nicht nur die Pickelhauben waren die Opfer des genialen Thöny, der sich seine Motive bei seinen zahlreichen Aufenthalten in Berlin suchte. Seine Feder richtete sich gegen alle Gruppen, die den wilhelminischen Obrigkeitsstaat prägten und dominierten: Die arroganten Adligen und versoffenen Corpsstudenten, die brutalen ostelbischen Großagrarier und die zyni-schen Großbürger. Aber auch die gesellschaftlichen Außenseiter – Kriminelle, Zuhälter und Prostituierte – nahm er aufs Korn. Obwohl Thöny die mächtigen Kreise im deutschen Kaiser-reich scharf angriff und die Gesichter seiner Militärs und Adligen oft vor Dumm- und Blasiertheit strotzen, wurde er paradoxerweise von den Offizieren als Idol gefeiert. Heute würde man sagen, er war in diesen Kreisen ein „In“-Künstler.

Der südtiroler Eduard Thöny (1866-1950) kam schon als Kind mit seiner Familie nach München. Die künstlerische Atmosphäre seines Elternhauses – sein Vater war Holzschnitzer und Bildhauer – sowie sein bereits früh erkanntes Talent waren ausschlaggebend für seinen Wunsch, Historien- und Genremaler zu werden. Nach einem Studium an der Münchner Kunstakademie arbeitete er zunächst als Zeichner für eine Modezeitschrift und begleitete
Oberst William Cody, alias „Bufallo Bill“, mit seiner Wildwestruppe als Plakatmaler und Bildberichterstatter auf Englandtournee. 1896 holt ihn der Verleger Albert Langen zu seinem neu gegründeten „Simplicissimus“, der trotz oder gerade wegen der Repressionen durch die Obrigkeit zu einer der erfolgreichsten Zeitschriften im damaligen Deutschland wurde. Beim „Simpl“ war Thöny der Experte für Militär- und Gesellschaftskarikaturen. Neben Thomas Theodor Heine, Wilhelm Schulz, Rudolf Wilke, Bruno Paul und Olaf Gulbransson gehörte er zur ersten Riege der „Simplicissimus“-Künstler. Seine Beiträge erschienen in jeder Ausgabe und trugen dazu bei, dass die Zeitschrift in den Jahren bis 1914 ihren künstlerischen Höhe-punkt erlebte. Im ersten Weltkrieg war Thöny zur zeichnerischen Kriegsberichterstattung in den Kampfgebieten eingesetzt. In den 20er Jahren war er u.a. als Maler aktiv. Für den „Simplicissimus“ zeichnete er bis zu seiner Einstellung 1944. 1950 starb Thöny in Holzhausen am Ammersee.

Am Ende des 19. Jahrhunderts bot die Karikatur der künstlerischen Avantgarde Entfaltungsmöglichkeiten, um die Enge des erstarrten Kunstbetriebes zu sprengen. Hier konnten neue Ausdrucksformen wie der bildnerische Reduktionismus erprobt und die Hinwendung zum Alltäglichen und Hässlichen, zur Übertreibung und zur Verzerrung vollzogen werden. So sind Thönys Zeichnungen einerseits von einer traditionellen eleganten und nuancenreichen Federführung und andererseits von einem plakativen modernen Stil geprägt. Obwohl noch von der Historien- und Genremalerei beeinflusst, lässt er das Motiv des Ideal-Schönen hinter sich und macht sich in der Form der gesellschaftskritischen Karikatur auf die Suche nach dem Authentischen, das gerade durch die satirische Übertreibung erkennbar wird.

Thöny gelang es, die für den preußischen Untertanenstaat bezeichnenden Typen zu erfassen: Neben den Offizieren zum Beispiel den eiskalt berechnenden Kapitalisten, der am liebsten nur noch Maschinen, die nie zu spät kommen und nicht auf den Lokus müssen für sich arbeiten lassen will oder den dicklich-derben Ost-Elbier, der meint, man müsse es mit der Bildung nicht übertreiben, die Jungens müssten nur das Vaterunser können und wissen, wie ihr König heiße. Wie in der Literatur Heinrich Manns 1918 erschienener Roman „Der Untertan“ machten seine Bilder eine ganze Ära unsterblich und prägen noch heute unser Bild von ihr.

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Kategorien:
Kunst |  Ausstellungen im Bundesland Bayern | Ort:  Tegernsee |
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