Ludwig Museum im Deutschherrenhaus
56068 Koblenz
Danziger Freiheit 1

Deutschland, Deutschland…

Laufzeit: 27. November 2011 bis 29. Januar 2012

Mit der Ausstellung "Deutschland, Deutschland…" gibt das Ludwig Museum Koblenz einen intimen Einblick in das Alltagsleben der BRD und DDR, gesehen von zwei Zeitzeugen, die ihr unmittelbares Umfeld fotografisch dokumentiert haben. Das große Interesse an Menschen, deren Lebensbedingungen und Umfeld zeichnet beide Fotografen aus. Ihre Mitmenschen zeigen sie ungeschönt und ohne Inszenierung. Höchstens ein Augenzwinkern oder unterschwelliger Humor ist den Fotografien zu entnehmen. Beiden Künstler haben sich über einen sehr langen Zeitraum immer wieder mit den gleichen Orten auseinandergesetzt und daher das Vertraute intensiv studieren konnten, so dass man in einigen Bildern den Eindruck eines Blickes unter die Oberfläche gewinnt.

Rudolf Holtappel (geb. 1923 in Münster/Westf.) zeichnet ein Bild des Ruhrgebiets der 1950er und 1960er Jahre, das einen unverstellten Blick auf die Schwerindustrie und der sich an die Industrie angepassten Städte und deren Bewohner gibt. Man ahnt die Mühsal und harte Arbeit der dort lebenden Menschen, aber Holtappel ist es auch gelungen, Momente von Schönheit und menschengeschaffener Idylle einzufangen. Bereits das Titelbild des Kataloges "Duisburg-Hamborn, August Thyssen Hütte, 1959" übt auf den Betrachter eine Faszination aus, welche durch den starken Kontrast von dampfenden Industrieschloten im Hintergrund und zwei kleinen Mädchen im Vordergrund, die eine Henkeltasche zwischen sich tragend auf einen kleinen Garten zulaufen, geschaffen wird. Das Nebeneinander von Industrie und Mensch findet Nachhall in vielen Bildern Holtappels, die vordergründig nicht mit der Kulisse oder Stereotypen des Ruhrgebiets spielen, sondern die Bewohner während der Freizeit in Läden, Einkaufsstraßen oder Kneipen zeigen. Heterogene Menschengruppen leben hier gemeinsam, zusammengewürfelt im Ruhrgebiet durch den großen Bedarf an Arbeitskräften. Die präzise Auswahl des Bildausschnitts und die dokumentarische Distanz des Fotografen, die trotz aller Nähe zum Objekt spürbar bleibt, bewahren den Betrachter vor einem Abrutschen in Sentimentalität oder den Drang, eine vergangene Epoche zu beschwören. Zu sehr wird man beim Betrachten der Fotos immer wieder gewahr, wie die Menschen berührt wurden durch den alltäglichen Schmutz und die Emissionen der Industrielandschaft, ihrem Zuhause.



Thomas Kläber (geb. 1955 in Beyern/Brandenburg) fokussiert in seinen Fotos die Region Südbrandenburg und dessen Bewohner im Zeitraum der 1970er und 1980er Jahre. Hier dokumentiert Kläber das Arbeits- und Freizeitleben der Menschen im ländlichen Raum sowie in der Stadt, die teilweise geprägt ist durch "Ost"-Architektur und sozialistische Parolen, angebracht an Häusern und Zäunen. Zuweilen dokumentieren seine Fotos auch an vielen Stellen die Diskrepanz der vom Staat ausgegebenen Parolen und dem alltäglichen Leben der Bürger. So sieht man in dem 1987 entstandenen Bild "Das Programm der Partei, bei Kamenz", auf einer Betonmauer, die etwa 2/3 des Bildes einnimmt, gekrönt von Stacheldraht, den einschwörenden Ausspruch "Das Programm der Partei ist das Programm des Volkes". Hinter dieser gegen Überklettern gesicherten Mauer sieht man ein paar Baumwipfel in den Himmel ragen, die etwas zu versprechen scheinen, was für die Menschen vor der Mauer weder erreichbar noch für sie gewollt ist. Auf einem weiteren Bild, "Die Wende, Cottbus", 1990, hat der Fotograf wiederum ein Schild an einem Zaun festgehalten, auf dem der Spruch zu lesen ist: "Ruhm und Ehre der Partei der Arbeiterklasse der DDR". Dieses Foto jedoch zeigt die Parolen des Regimes nicht mit Verbitterung, sondern Kläber hat mit Humor ein Stück Wendegeschichte festgehalten: das Schild nämlich wurde umgedreht, die Schrift steht demnach auf dem Kopf und wurde von jemandem mit einem handschriftlichen Aufkleber "die Wende" versehen.

Kategorien:
Fotografie | Geschichte |  Ausstellungen im Bundesland Rheinland-Pfalz | Ort:  Koblenz |
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