Germanisches Nationalmuseum
90402 Nürnberg
Kartäusergasse 1

Käufliche Gefühle - Kunstbillets des Biedermeier

Laufzeit: 28. Oktober 2004 bis 22. Januar 2005

Ende des 18. Jahrhunderts belebte man in Frankreich den alten Brauch, zu Neujahr Glückwunschkarten auszutauschen. In ganz Europa wurde diese Mode mit Begeisterung aufgegriffen. Verlage produzierten Karten für jede Lebenslage, vom Billigprodukt bis zum Luxusartikel. Die Ausstellung gibt Auskunft über die Produktionsweisen der Verlage, den europaweiten Vertrieb dieses Massenprodukts, die Wanderung von Bildmotiven von Land zu Land und gewährt schließlich Einblick in den Freundschaftskult der Romantik und des Biedermeier.

Glückwunschkarten zu jeder Lebenslage finden sich in jedem besseren Schreibwarengeschäft. Mit welchen Kabinettstückchen der Kunstfertigkeit sich schon die Menschen des 19. Jahrhunderts beglückten, kann nun im Germanischen Nationalmuseum erfahren werden. Erstmalig ist aus einer Sammlung von über 4000 Karten eine Auswahl von etwa 1000 Karten zu sehen, die Einblick in die Gefühlswelten des Biedermeier erlauben und so manche Überraschung bereithalten, wie Vorformen des Kinos und der heutigen technischen Möglichkeiten schon zu früheren Zeiten die Menschen unterhalten haben.

Ende des 18. Jahrhunderts verbreitete sich in Europa die Mode, an Festtagen und zu besonderen Feierlichkeiten Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten mit "Zetteln" oder "Billets" Glück zu wünschen. Geschäftstüchtige Verleger erkannten darin neue Produktmöglichkeiten und brachten bald für jeden denkbaren Anlass Freundschafts- und Glückwunschbillets auf den Markt. Sie erschlossen damit dem Bürgertum neue Kommunikationsformen: Man konnte nun die mit einem Gruß, Spruch oder Vers bedruckten Karten mit und ohne eigenhändigen Zusatz verschenken. Darüber hinaus boten die Billets mit ihren technischen Raffinessen und ihrer oft kunstvollen Gestaltung Erwachsenen und Kindern unterhaltsamen Zeitvertreib in geselligen Runden.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Wien zum wichtigsten Herstellungsort und Handelsplatz von Freundschafts- und Glückwunschbillets. Hier hatten sich eine Reihe erfindungsreicher Verleger niedergelassen, die mit technisch ausgefeilten und kunstvoll hergestellten Karten internationales Renommee erlangten.
Die Karten zeigen mit allgemein bekannten Symbolen und Bildmotiven die Sehnsüchte und Wünsche der Menschen der Biedermeierzeit auf. Zu den populärsten Freundschafts- und Liebeszeichen gehörten das Herzmotiv, Amoretten mit Pfeil und Bogen, Turteltauben und die Bildprägung zweier ineinander gelegter Hände als Symbol der Treue. Auch Blumen, insbesondere Rose und Vergissmeinnicht, besaßen einen hohen emotionalen Sinngehalt.
Zahlreiche Verlage bedienten die große Nachfrage nach Freundschafts- und Glückwunschbillets mit einem breitgefächerten Sortiment. Einfarbige, mit Versen und Sprüchen bedruckte "Zettel" bildeten dabei das preiswerteste Angebot. Nur wenig teurer waren einfache Bilderkarten. Als besondere Attraktionen offerierten die Verleger aufwendig gestaltete Billets: "Verwandlungsstücke" mit optischen und mechanischen Finessen, sowie die kostbar und aufwendig gefertigten "Kunststücke".
Die normierte Bildsprache und die aufgedruckten, unverbindlichen Verse und Sprüche schlossen die Mitteilung individueller Empfindungen aus und verdinglichten Gefühle zur käuflichen Ware. Dennoch wurde das einzelne Billet subjektiv als Ausdruck wahrer Freundschaft und inniger Zuneigung wahrgenommen. Dies sicherte den Produzenten der Glückwunschkarten über Jahrzehnte ein lukratives Geschäft mit der Gefühlswelt der Zeitgenossen. Erst um 1830 scheinen sie der Flut von Billets überdrüssig geworden zu sein - zumal Gratulanten häufig eine Gegengabe für ihr Kartengeschenk erwarteten. Als Schutz vor unerwünschten Glückwünschen diente eine neue Art von Billets: an die Haustür geheftete "Enthebungs- oder Entschuldigungskarten".
Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Auswahl an Freundschaftsschmuck. Viele der in den "Kunstbillets" verwendeten Motive kehren dort wieder. Haarschmuck, Perlen, farbige Steine und Emailauflagen transportierten die geünwchten Gefühle. Zwischen Männern und Frauen, Eltern und Kindern, Freundinnen und Freunden ausgetauscht, steht der Freundschaftsschmuck für eine facettenreiche Beziehungssprache, in der echte Empfindung und modische Attitüde gleichermaßen Ausdruck fanden.

Katalog: Zur Ausstellung erscheint ein Ausstellungskatalog: 112 Seiten, 141 Abbildungen, Preis an der Museumskasse 12,50 Euro

Zur Museumseite: Germanisches Nationalmuseum

Kategorien:
Geschichte | Kulturgeschichte | Kunst |  Ausstellungen im Bundesland Bayern | Ort:  Nürnberg |
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